Re: “Slave”

CN: Sklaverei, BDSM, Vergewaltigung, Folter, Tod, Suizid
CN: Slavery, BDSM, Rape, Torture, Death, Suicide

Dearest People,
wir müssen heute über etwas reden, was mir schon länger auf dem Herzen liegt. Wir müssen ausführlicher über die Verwendung des Begriffs “Sklav*in” in BDSM-Kontexten sprechen. Vorab möchte ich einige Dinge klarstellen, in der Hoffnung, dass mein Standpunkt etwas deutlicher wird:

  1. BDSM, egal ob hobby or lifestyle, ist vielleicht eine der großartigsten Realitätsfluchten überhaupt. Egal ob man BDSM neben seinem Alltag, oder wie ich, inzwischen gänzlich in den eigenen Alltag integriert, kann es unfassbar helfen, eine gewisse Distanz zum Alltagstrott herzustellen. Trotzdem bin ich keine BDSM-Expert*in. Ich bin am Anfang meiner Reise und werde dieser Neigung nach der Pandemie verstärkt nachgehen. Und dennoch weiß ich inzwischen aus Erfahrung, dass BDSM nicht im luftleeren Raum stattfindet. Unsere Erfahrungen und Geschichten nehmen wir in jede Session mit. Sie rahmen unsere Wahrnehmung und die derer, die unser Treiben in öffentlichen Räumen, so wie Twitter oder Parties letztendlich welche sind, beobachten können.
  2. Ich kann und möchte niemandem etwas verbieten. Was ich möchte, ist dazu anregen, den eigenen Sprachgebrauch zu reflektieren. Sprache ist nie starr, Wörter verändern schon immer mit der Zeit ihre Bedeutung. Ich finde nichts Schlimmes daran, mit zunehmender Aufarbeitung und veränderter Wahrnehmung eines Themas auch sensibler mit entsprechender Sprache umzugehen. Im Gegenteil: Die Fähigkeit, ein offenes Ohr für Leute zu haben, die die unsensible Verwendung historisch gewachsener Begriffe ansprechen, kann meiner Meinung nach ein Zeichen für die eigene Reflexionsfähigkeit und Einfühlungsvermögen sein. Dazu weiter unten aber noch ein paar Worte.
  3. Bitte versteht, dass ich aus meiner eigenen Betroffenheit (sprich: Herkunft) heraus weder die Zeit noch Lust habe, an dieser Stelle tiefer in Rassismusdiskurse einzusteigen. Das ist mühsam und zehrend. Ich bezeichne niemanden als Rassist*in, der oder die darauf besteht, sich oder andere in BDSM-Kontexten als Sklav*in zu bezeichnen. Ich will an dieser Stelle auch noch einmal betonen, dass ich hier niemanden, wirklich niemanden, kink-shamen möchte oder hinnehmen werde, dass Leute in den Kommentaren gekink-shamed werden. Wer mir das eine oder andere in den Kommentaren unterstellt, wird ignoriert. Ich möchte auch keine individuellen Begründungen dafür lesen, weshalb jemand darauf besteht, sich oder andere so bezeichnen zu wollen. Ich muss es nicht verstehen. Wenn ihr das vor euch selbst rechtfertigen könnt, that’s fine. End of story.
  4. Mir ist durchaus bewusst, dass es Schwarze Menschen gibt, deren Kink es ist, sich in BDSM-Kontexten als Sklav*in zu bezeichnen oder bezeichnen zu lassen. For all I care, that is fine, as long as it’s consensual. Hier gibt es jedoch zwei Dinge zu beachten. Zum einen bin ich ein Individuum und dieser Text reflektiert meine individuelle Meinung. Andere Schwarze Menschen können diese Meinung teilen, müssen sie aber nicht, and that’s… (say it with me now) „it’s okay.“ Wer argumentiert mit „ich kenne BIPoC aus der Szene, die das okay finden,“ sollte sich nochmal bewusst machen, dass auch Schwarze Menschen kein Monolith sind (there is no such thing as THE Black community) und dass solche Aussagen eng mit „Ich hab Schwarze „Freunde/Verwandte/Bekannnte/Kolleg*innen, die es okay finden, wenn ich [insert insensitive behavior/phrase here]“ verwandt sind.

    In diesem Sinne kann das, was ich hier versuche deutlich zu machen, keine Allgemeingültigkeit haben. Darum geht es mir aber auch gar nicht. Ich möchte Aufmerksamkeit für den bitteren Beigeschmack schaffen, den ich jedes Mal habe, wenn ich über den Begriff in meiner Timeline stolpere. Dieser Text könnte ein Beispiel dafür sein, was es bedeutet, Betroffenen zuzuhören, anstatt über und ohne sie zu reden.

Meine Vorgeschichte zu dem Thema ist two-fold. Nur einen Teil möchte ich aus Anonymitätsgründen hier teilen. Ich bin Schwarz, bzw. for lack of a better (German) word, das, was man in den USA als “bi-racial” bezeichnet (wer meint, dass ich mich disqualifiziere, weil ich hier “in terms of race” spreche, sollte einen sehr genauen Blick auf diesen langen, aber großartigen Thread von Alice Hasters (zur aktuellen Colorism-Debatte in der #BlackTwitterGermany-Bubble werfen). Meine Eltern sind part African-American, part German. Aufgewachsen bin ich hier und dennoch habe ich während meiner Kindheit und Jugend viel Zeit, zum Teil Monate am Stück, in den USA verbracht. Der Kontakt zu meiner amerikanischen Familie hat mich nachhaltig geprägt.

Dort habe ich während meiner ersten Lebensjahre noch viel Zeit mit meiner Ur-Großmutter verbracht (großartige Frau, die ‘98 starb und am Ende 96 Jahre alt, aber nie senil wurde). Die Großeltern dieser Frau wurden noch in die Sklaverei geboren. I’m not speaking in abstract terms. Die Großeltern meiner Ur-Großmutter wurden in die amerikanische Sklaverei geboren und haben bis zu ihrem ca. 12. Lebensjahr “die sonderbare Institution” am eigenen Leib erfahren. Lediglich fünf Generationen liegen zwischen mir und einem der größten Genozide der Menschheit. Die Geschichten über den physischen und psychischen Terror, der mit diesem Unrechtssystem einher ging, sind mir aus den Erzählungen meiner Ur-Großmutter, meiner Großmutter, meiner Mutter bekannt und, bei jedem Kontakt mit dem Thema, auch präsent. Die Auswirkungen dessen spüren Leute wie ich (auch hier in Deutschland) täglich, sehen wir gemeinsam immer und immer wieder wenn #BLM durch soziale Medien rotiert, weil erneut ein Schwarzer Mensch durch Rassismus gewaltvoll zu Tode gekommen ist.

Das Problem ist in my opinion folgendes: Die Bezeichnung Sklave ist kontextunabhängig historisch-emotional belegt und eignet sich nicht zum Spiel.

Nun gibt es für mich in BDSM-Kreisen ein Dilemma. Hier wird der Begriff vor allem dazu verwendet, um (sexual) power dynamics zu beschreiben. Die Diskussion darüber, wie sich submissives von sog. “slaves” unterscheiden ist hier ein altes Fass, das ich an dieser Stelle nicht öffnen möchte. Aber mir ist inzwischen klar, dass die Begriffe nicht gleichzusetzen sind, weil sie different extents of submissiveness and obedience beschreiben. Dass die Begriffe verwandte, aber nicht deckungsgleiche Rollen beschreiben, macht ja auch Sinn. Das Problem ist in my opinion folgendes: Die Bezeichnung Sklave ist kontextunabhängig historisch-emotional belegt und eignet sich nicht zum Spiel.

Denn sie impliziert Gewalt, die nicht weniger real war oder ist, weil wir hier nicht täglich damit konfrontiert werden. An meinem Beispiel: auch nicht nach fünf Generationen in de jure freedom. Für mich ist der Begriff unweigerlich mit Geschichten über gewaltvolle Familientrennungen, reale Vergewaltigungen (not rape play) und blutige Strafen (gar Tötungen) aus Gründen tatsächlicher ökonomischer Ausbeutung und vermeintlich christlicher Missionierung verbunden. Wer jetzt denkt: Abgesehen von der der familiären Dimension und Mord passt die Bezeichnung in BDSM doch, der lässt den Knackpunkt außer Acht… SSC (hear me out, because this works multifold).

SSC steht für “safe, sane and consensual” (übersetzt: “sicherheitsbewusst, mit gesundem Menschenverstand und einvernehmlich”; danke für die Erklärung an @ eisbaer_ka ) und beschreibt die BDSM zugrundeliegende Philosophie aller Praktiken im BDSM. Historisch gesehen steht Sklaverei SSC diametral gegenüber. Skaverei ist und war historisch gesehen alles andere als einvernehmlich. Die Betroffenen haben/hatten als einzige Auswege Fluchtversuche (die im Fall des Scheiterns mit dem Tod bestraft wurden/werden konnten) oder Suizid (der nicht selten auch im Kindermord enden konnte, wenn Eltern versuchten, das Leid der eigenen Zöglinge zu beenden).

Keine Einvernehmlichkeit, keine Freiwilligkeit, keine Möglichkeit sich, der eigenen Situation gewaltlos zu entziehen – während die Bezeichnung, wie sie im BDSM verwendet wird und unter SSC-Philosophie, eben das zwingend erfordert. Der bedingungslose Gehorsam, den BDSM-Sklav*innen ihren Masters entgegenbringen, muss zuvor einvernehmlich abgesprochen werden und kann jederzeit (aus den vielfältigsten Gründen) auch durch den submissiven Teil der Dynamik abgebrochen werden. Das ist gut und wichtig. Nun rutschen wir aber in die Sparte “Kink öffentlich ausleben” (erinnert ihr euch an die Diskussion letztes Jahr über die Domme, die mit ihrem sub petplay in einem Supermarkt betrieben hat?). It is along these lines I would like to argue. SSC impliziert, dass alle Teilnehmenden, auch Unbeteiligte, die einer Session oder einem Austausch in entsprechendem Kontext womöglich beiwohnen (z.B. auf einer Kink Party oder auf einer öffentlichen Plattform, wie Twitter) einvernehmlich zustimmen müssen.

Das kann ich persönlich nicht, wenn die Bezeichnung “S(k)lav*in” in der kinky-Bubble auf Twitter zum x-ten Mal fällt, um lapidar irgendwelche Witze über uneingeschränkten Gehorsam zu reißen. Der Grund sind die zuvor beschriebenen historischen und persönlichen Implikationen.

Während ich das hier schreibe, habe ich es schon vor dem inneren Auge: Die ersten Kommentare, in denen Praktizierende verlautbaren: “Tja, dann ist BDSM halt nichts für dich” oder “geh halt woanders hin” oder “das gehört halt dazu, es war schon immer so”. In dem Zusammenhang möchte ich gerne nochmal auf die vier Punkte verweisen, die ich am Anfang dieses Beitrags zu erläutern versucht habe. BDSM findet nicht im luftleeren Raum statt. Ich möchte niemanden zensieren. Kink-shaming is bad. So, can we also agree that as a community, it makes sense to build and foster spaces that are inclusive of individual experiences, histories, and perceptions? Über diese vermeintliche Diversität nicht nur reden, sondern sie auch in diesem Bereichen aktiv zu fördern?

SSC impliziert, dass alle Teilnehmenden, auch Unbeteiligte, […] einvernehmlich zustimmen müssen.

Mich stört der Begriff “slave” nicht per se. Er ist kein Schimpfwort, einen Vergleich mit dem N-Wort halte ich hier nicht für zielführend (wer meint, dieses hier in irgendeiner Form ausschreiben zu müssen, wird kommentarlos geblockt, fyi). Sklaverei ist nicht mit Schwarzen Menschen gleichzusetzen. Sklaverei gab es in der Menschheitsgeschichte auch an vielen anderen Stellen. Fakt ist, dass die Erfahrungen Schwarzer Menschen an vielen Orten der Welt, aber gerade in und aus den USA, nach wie vor durch die Auswirkungen moderner, rassifizierter Sklaverei und zugrundegelegten Rechtfertigungen derer (öberflächlich wie auch subtil) geprägt ist. Für mich und andere Leute wie mich lässt sich das Spiel von den realen Implikationen des Begriffs nicht trennen. Auf Twitter oder in Sessions darüber zu stolpern, reißt mich aus dem Moment heraus, nimmt mir den Spaß an dem, was wir in dieser Gemeinschaft eigentlich alle in irgendeiner Form aus Spaß machen. Consent ist indiskutabel.

Consent ist indiskutabel.

Wenn ich realisiere, dass die Verwendung einer bestimmten Bezeichnung dazu führt, dass andere Leute um mich herum stolpern, oder sich unwohl fühlen, mache ich mir idealerweise Gedanken über meine eigene Position und wie ich dazu beitragen kann, dass die Betroffenen in meiner Umgebung sich wohler fühlen – nicht nur, aber ganz besonders im BDSM. Deshalb lautet meine Bitte an diejenigen unter euch, die sich selbst in BDSM-Kontexten als Sklavin bezeichnen, die selbst Herr*in sind, oder in professionellen BDSM Kontexten darum gebeten werden, jemanden als Sklav*in zu bezeichnen, innezuhalten und zu reflektieren, ob für alle Beteiligten SSC gewährleistet ist und ob nicht vielleicht die Wahl einer alternativen Bezeichnung das Problem gänzlich umgeht (ich verstehe, dass es gerade als Sex Worker*in nicht immer möglich ist, mit Kund*innen offen darüber zu reden).

In der ersten Folge ihres Podcasts sprechen Maya (@MayaMitKind) und Ihro (@LiMingRichter) über den Artikel von Peter Weissenburger (@weissenpeter), in dem er für den achtsamen Umgang mit Sprache in BDSM-Kontexten plädiert. Zur Mitte der Podcast-Folge macht Maya einen konstruktiven Ersatzvorschlag, der in U.S.-BDSM Kontexten zunehmend Verbreitung findet: “servant” (zu deutsch: Diener*in). Der Begriff impliziert per Definition genau das, was wir meinen, wenn wir an die Rollenbeschreibung von Sklav*innen denken, anonymisiert aber die historische Bedeutungsebene, die mit der Rolle einhergehen. Des Weiteren beinhaltet der Begriff die sehr reale Möglichkeit, sich aus dem Verhältnis bei Bedarf entfernen zu können. Meiner Meinung nach ist servant/Diener*in als Bezeichnung für die entsprechende Rolle also passender.

Andere Begriffe, die mir auch passend erscheinen sind “serf” (deu.: Leibeigener; in der Regel in Texten zu mittelalterlicher Geschichte zu finden) oder “menial” (deu.: Knecht oder Diener). Für weitere Vorschläge bin ich offen. Die beiden hier genannten empfinde ich persönlich als passendste. Letzendlich kann ich nur Verbesserungsvorschläge machen. Was ihr für euch in Anspruch nehmt, ist letztendlich ganz allein eure Entscheidung. Für mich steht fest, dass ich mich dem nicht mehr bewusst aussetzen kann. Der emotionale Stress, den die Bezeichnung in mir verursacht, ist mir der Austausch über andere Dinge BDSM-related nicht mehr wert.

Deshalb folge ich bewusst keinen Accounts mehr, die sich den Begriff als Bezeichnung zu eigen machen oder ihn für eine Punchline beiläufig verwenden. Im Sinne von SSC respektiere ich den Kink derjenigen, die den Begriff verwenden, um ihren Bedürfnissen und ihrer persönlichen Dynamik einen Namen zu geben. Ich behalte es mir jedoch vor, entsprechende Accounts für mein eigenes Wohlbefinden zu muten. Wenn wir irgendwann wieder on-location feiern dürfen, entsprechenden Leuten aus dem Weg zu gehen. Ich befürchte ein wenig, dass das im Zweifel bedeutet, dass ich nie wirklich vollumfänglich Zugang zu BDSM-Kreisen erhalten werde.

Diejenigen unter euch, die mir auf Twitter schon länger folgen, wissen, dass mich das Thema beschäftigt: Ich wundere mich laut (sprich: öffentlich), warum die BDSM/kinky bubble so white ist. Ich schreibe vereinzelt Leute an, die die Bezeichnung verwenden und bitte sie darum, ihren Sprachgebrauch zu reflektieren. Ich versuche auf Fetischisierung based on skin-color aufmerksam zu machen. Ich bilde mich zum Thema BDSM und Rassismus weiter in der Hoffnung, auf Twitter ein diversitätsfreundliches Klima zu fördern (haha, ridiculous, am I right?). Inzwischen glaube ich, dass der unsensible Gebrauch dieses Begriffs einer unter vielen Gründen sein könnte, weshalb #kinkytwittergermany so undivers ist. Nicht alle davon können wir als Angehörige der bubble beheben. Aber ich finde, wir sollten es uns zur Aufgabe machen, da anzusetzen, wo wir können. Wir sollten unseren Austausch zugänglicher gestalten, sodass auch Leute ihren Weg in die Blase finden, ohne dass sie durch unsensible Wortwahl sofort abgeschreckt werden.

  1. Danke für den sehr tollen , differenziert argumentierenden Text! Ich werde auf die Nennung meiner Sub als Sklavin verzichten. Schon vorher nannte ich sie auch „Magd“. Das werde ich zukünftig nur noch tun.

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